6. Beitrag
Und so geht es weiter.
Es tun sich Dinge im Hintergrund. Ich suche nach Verlagen. Ich suche nach Bühnen und beantrage Förderungen für Hans Wurst. Er braucht eine Bühne. Sonst ist er nicht wirklich hier und kann uns erheitern. Anders als das Gerede des Hans Wurst fühlt sich das allerdings etwas zäh an.
Ich beantrage nicht nur, ich schreibe auch und plane neue Projekte. Ich werde bald bei meinem ersten Kurzfilm Regie führen. Das Drehbuch wird gerade überarbeitet. Dann suche ich mir drei Leute - ich brauche eine Schauspielerin, eine Person für Licht und Ton und eine für die Kamera - und es kann losgehen.
Der Film heißt „Ich habe mein Portemonnaie verloren“ und handelt von einer Frau, die… ihr Portemonnaie verliert. Es stellt sich allerdings die Frage, ob sie wirklich nur das Portemonnaie verloren hat. Es ist nicht so, dass sie es zurückbekommen möchte. Im Gegenteil, sie scheint befreit zu sein.
Alles in Arbeit. Glücklicherweise fühlt es sich nicht nach Arbeit an. Nur nach warten.
5. Eintrag
Meine Lesung naht. Gisiversum, Fichtestr. 25, Leipzig, 21.3., 19 Uhr. Ich werde aus „EGO oder Die Sonne lacht“ lesen. Sei dabei.
I – Vorlauf
Ein Landmensch kommt.
Die Hunde wedeln.
Ein Fremdmensch kommt.
Die Hunde bellen.
Der Fremdmensch, er ist nicht
Aus der Fremde. Am Schweinhirt
Geht er vorüber. Den Landensch
Wird er nicht mehr treffen.
Wenn er geht, kein Kampf geht mit ihm.
Über die Höhenkämme der Berge
muss der Fremdmensch.
Darüber Schauende sind verschwunden,
Oben ist das Grau
An einer Stelle aufgebrochen, doch
Der Blick ist abgewandt.
Nicht die Höhen
Reizen den Fremdmensch.
Es sind die Täler da.
Zu den großen Herden geht er
Und lange schon
Geht er voran.
Hier wird die Erde.
Eine Nussschale ist aufgeplatzt.
Frierend hängt der Fremdmann
An den letzten Früchten, wo
Die Walnüsse noch ohne Haut
Zerfallen sind.
Das Schaf ist weißer als ein Ei.
Es schlachtet der Fremdmensch.
Er zieht dem Foetus darin
Mit vorsichtigen Händen
Die Haut vom Fleisch.
Fett und Haare schabt er ab.
Sie ist zum Schreiben
Fast zu schön.
Die Messer sind bereit gelegt
Und ein Fremdmensch endlich
Auf der Schwelle.
Der erste Strich
Naht.
3. Eintrag
Lesen (und Lernen) ist sehr stark an Privilegien gebunden. Lesen, besonders das Lesen von Texten, die keine Unterhaltung sind, zwingt den Lesenden dazu, sich in Ruhe wahrzunehmen. Für viele Menschen ist das unaushaltbar. Wer in seinem eigenen Körper keinen angenehmen Zustand verspüren kann, kann nicht lesen. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Erst wenn ich mich hinsetze und das Buch aufschlage, merke ich, wie hoch mein Puls ist und dass ich gedanklich nicht bei der Sache bin. Beim zweiten Satz schweife ich bereits ab und kann nichts aufnehmen. Dieses Gefühl ist unglaublich frustrierend. Unglaublich, weil Ruhe als selbstverständlich aufgefasst wird. Natürlich kann man sich entspannen, man muss es nur wollen.
Ich denke nicht, dass die Erklärung einer immer schnelleren Welt die Lösung des Problems sein kann. Ja, Social Media, das Smart Phone und die Art und Weise, wie Werbung, Filme und Bücher produziert werden, ist darauf ausgelegt, unser Nervensystem zu aktivieren, um uns zum längeren Konsum zu manipulieren. Man kann nicht aufhören, die Serie zu schauen, wenn jede Folge mit einem Cliffhanger endet. Das ist jedenfalls die Grundannahme, die nicht hinterfragt wird. Unsere Neurobiologie scheint hinter der „schnellen Welt“ hinterherzuhinken. Die Jägerin und Sammlerin der Steinzeit in uns kann sich nicht erwehren. Sie muss den Serienmarathon durchziehen. Ihre Biologie verlangt es so.
Was wäre, wenn es nicht die reine Biologie ist, die uns zum eskapistischen Konsum zwingt, sondern die Tatsache, dass wir denken, dass es unbedingt notwendig ist, sich künstlich in Rage versetzen zu lassen. In letzter Zeit wird die Unterhaltungsindustrie stark kritisiert. Die niedrige intellektuelle Qualität insbesondere von Filmen fällt unangenehm auf. Zum Beispiel wird der neue Film von Emerald Fennell, „Wuthering Heights“, aufgrund seiner Antiintellektualität - Whitewashing mit einbezogen - kritisiert. Ich stimme den Kritikerinnen zu. Um „Wuthering Heights“ zu kritisieren, reicht es nicht, zwei weiße Schauspieler, die sich durch nichts anderes auszeichnen als ihre normgetreue Passform in herrschende Schönheitsideale, in wehende Kostüme zu stecken und sie sich gegenseitig ausziehen zu lassen. Dabei möchte ich in meiner Kritik weiter gehen. Das Gegenstück zu „Wuthering Heights“ von Fennell scheint mir Martin Scorceses „The Irish Man“ zu sein. Es ist nicht der neueste Scorcese, weil ich mich nicht mehr für diese Filme interessiere. Die geneigte Leserin bitte ich, mir zu verzeihen. Hier haben wir eine Reihe von alternden Männern, die kriminell sind und sich gegenseitig umbringen. Frauen sind Randfiguren und die allesamt oscarpremierten, teilweise durch CGI verjüngten Schauspieler sind zumeist einsilbig. Der Film ist außerdem sehr lang(weilig). „Moment mal!“, wird der akademische Intellektuelle rufen. „Aber das ist doch Kunst! Das ist tiefgründig! Das ist absolutes Kino!“ Ich würde dem widersprechen. Worum geht es in „The Irishman“ und wie wird dieses Etwas filmisch dargestellt? Ich habe keine andere Antwort, als dass es sich um einen Unterhaltungsfilm handelt, der sich um einen Mörder dreht, der nicht viel redet. Es wird kein größerer Zusammenhang dargestellt. Die Vorlage des Films - und ich würde sagen, beinahe aller Scorcese-Filme - ist „Der Pate“ von Francis Ford Coppola. Dieser Film ist nicht nur ein Klischee, sondern tatsächlich Kunst. Ich möchte das an der ersten Szene zeigen. Der Pate (Marlon Brando) sitzt in einem abgedunkelten Raum und trägte einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd. Er spricht mit einem Mann, für den er jemanden umbringen lassen soll. Als die Vorbereitungen getroffen sind und der Mann gegangen ist, riecht er an der Rose in seinem Knopfloch und bemängelt, dass Menschen, wie dieser Mann, ihn für ein Tier halten. In diesem Moment sehen wir nur ein Teil des Gesichts und den v-förmigen, weißen Teil seines Hemdes. Der Mafiaboss spricht leise, ist nachdenklich und ist auf das Schöne konzentriert. Er entspricht nicht dem Klischee eines kaltblütigen Mörders. Mord und Trieb scheinen hier nicht zusammenzufallen, sondern es muss eine andere Erklärung geben, warum der Pate mordet. Gleichzeitig sehen wir nur ein Stück von ihm. Der Rest des Raumes und seiner selbst verbleibt zunächst im Dunkeln.Wir müssen diese Szene interpretieren, um den Fortgang des Filmes zu verstehen. Er lässt sich nicht bloß aus der Handlung heraus erklären. Vor allem, ist er nicht auf das Reiz-Reaktionsschema des Nervensystems angewiesen, um die Zuschauerin an sich zu binden.
Jetzt könnte man einwerfen, dass es für „The Irishman“ spricht, dass er ebenso wenig auf das Reiz-Reaktionsschema angewiesen ist. Ich würde das zum Teil bejahen. Ja, „The Irishman“ arbeitet nicht mit Spannung, das heißt jedoch nicht, dass er nicht ebenso eskapistische Unterhaltung ist, wie „Wuthering Heights“, weil es herrschende Narrative lediglich erzählt, ohne sie zu hinterfragen. Wie viel brauche ich davon? Muss Unterhaltung uns auf allen Kanälen, zu allen Zeiten zugespielt werden? Man könnte meinen, ja, weil sie es wird. Ich möchte dagegen halten, dass es nicht so sein muss. Unterhaltung ist nett. Ich würde sogar sagen, dass sie essentiell ist. Ich denke, dass es gesund ist, unterhalten zu werden und dass es gut ist, eine kulturelle Praxis zu haben, die uns von schwerwiegenden Themen zeitweilig ablenkt. Was mich stört und was zu einer Auslöschung der Ruhe führt, ist die Einstellung, dass ich sie täglich brauche, um ein gutes Leben führen zu können. Es sollte sehr viel mehr egal sein, was Hollywood produziert, weil es uns nichts zu sagen hat, als über unser eigenes Nervensystem. Besonders antiintellektuelle Unterhaltung ist zudem nicht nur nervenaufreibend, sondern fällt mit regressiv-faschistischen Tendenzen zusammen. „Wuthering Heights“ ist klassistisch und rassistisch und „The Irishman“ reproduziert die Einstellung, dass Kriminalität und Gewalt Teil des Mannseins ist und er sich weder gegen diese Triebe wehren kann, noch dass sie erklärbar sind. Dabei gibt es so viele andere Formen der Unterhaltung, wenn man sich dafür interessiert. Ich habe auf Arte einen Wettbewerb für Zirkuskunst gesehen und war von der Akrobatik begeistert. Das hat mich super unterhalten und ich konnte den Laptop danach zuklappen und mich entspannen.