Wenn ich sage, dass ich jeden Freitag einen Blogeintrag schreibe, dann meine ich Freitag mit einer Tilde. Freitag ungefähr. Freitag mit Würze. Freitag mit ein bisschen toxischer Maskulinität, auch bekannt als „Ich brauche dich, Baby, aber ich habe heute schon was anderes vor.“ Anders als bei toxischen Männern hatte ich nicht einfach keine Lust, sondern musste arbeiten. 20 Stunden die Woche sitze ich in einem Büro und klicke auf einem Bildschirm wichtige Dinge an, die meinen Unterhalt sichern. Ich arbeite meistens am Wochenende, da bekommt man einen kleinen Zuschlag. Deswegen bin ich gegen den Vorschlag der CDU, Teilzeit genehmigen lassen zu müssen. Kann ich mir wenigstens meine relative Armut selbst aussuchen? Dankeschön!

Nach getaner Lohnarbeit ist mein Kopf leer. Meine Gedanken sind niemals leiser als nach acht Stunden mal 15€. (Wer das im Kopf ausrechnet, muss Vollzeit arbeiten.) Wenn ich am nächsten Morgen aufwache, fährt mein Gehirn wieder hoch und spuckt die Dinge aus, die ich auf Arbeit nicht denken konnte. Ich habe einen neuen Text angefangen. Dazu muss ich sagen, dass er mir schon lange im Gehirn herumspukt und ich immer wieder verworfen habe, mich dieser Idee zu widmen. Es handelt sich um ein Theaterstück. Ich möchte über die Hans Wurst-Figur schreiben, beziehungsweise möchte ich Hans Wurst über seine Situation sprechen lassen.

Hans Wurst ist eine Figur aus dem Stehgreiftheater, der Vorform des Improvisationstheaters, beginnend in Deutschland im 16. Jahrhundert. Der Hans Wurst ist derb und obszön. Er ist Spaßmacher, entlarvt Lügner, lenkt Schicksale und möchte nicht nur ständig essen, sondern auch kopolieren. Johann Christoph Gottsched, Schriftsteller und Professor der Aufklärung im 18. Jahrhundert, empfand den Hans Wurst nur als Selbstzweck. Seine Obszönitäten eignen sich nicht zur Vermittlung moralischer Grundsätze und aus diesem Grund wurde sogar eine Puppe des Hans Wurst auf der Bühne verbrannt. Die geneigte Leserin wird dies als Affront empfinden. Niemandes Puppe sollte auf der Bühne verbrannt werden! Der gelehrte Bürgerliche soll seine gerümpfte Nase ausschnauben und den Hans Wurst zurück auf die Bühne lassen. Denn ja, der Hans Wurst ist obszön. Gleichzeitig steht er für Tod, Begierde und kann Dinge sagen, die niemand aussprechen darf. Er ist Trickser und bricht Regeln, um anderen Menschen Gutes zu tun, gleichzeitig provoziert er Konflikte (wenn sie notwendig sind?). Der Hans Wurst bewegt sich in der Zweideutigkeit. Er ist Betrüger, Gestaltwandler, Veränderer der Situation, Bote, Imitator und Erfinder. Ungeduldig und gierig nach Nahrung, Sex und Wissen spielt er mit allen Regeln und lässt sich nicht erwischen.

Trotz allem, oder gerade deshalb, steht er im Gegensatz zur Vernunft. Ich habe eher ein Problem mit dem Vernunftbegriff als mit dem Hans Wurst. Vernunft als Gegensatz zum Körperlichen und nicht als deren Teil wird immer dazu führen, dass menschliche Bedürfnisse herabgestuft werden. Man kann als Verteidiger der Vernunft für die Ausbeutung des Einzelnen sein. Man kann das Recht auf Abtreibung und Asyl aushebeln und Menschen als faul beschimpfen, wenn sie keine 40 Wochen arbeiten möchten. Es kommt nur darauf an, wie radikal man den Vernunftbegriff auslegt.

Andererseits ist ein Hans Wurst, der sich als Gegenteil versteht, ebenso Teil der Vernunft. Ein Hans Wurst, der sich gegen Vernunft stellt, gegen „die da oben“, ist ebenso misogyn und menschenverachtend. Der einzige Unterschied ist, dass er aus seiner Einstellung keinen Hehl macht und sich nicht als Verteidiger der deutschen Töchter erhebt, sondern sie unverhohlen ficken möchte.

Ich habe also Respekt davor, ein Stück über den Hans Wurst zu schreiben. Der Satz, der mich überzeugt hat, kommt von Carl Jung, der über den Harlekin schreibt. Der Harlekin wird als Vorlage für den Hans Wurst gesehen. Dieser Harlekin kann sich von der Faszination des Übels befreien und muss es nicht mehr miterleben. Ich sage es nochmal. Er kann sich von der Faszination des Übels befreien und muss es nicht mehr miterleben. Das ist auf jeden Fall, was ich mir für mich wünsche. Es wäre doch eine fantastische Möglichkeit, sich über die Idiotie und Zerstörung der menschenfreundlichen (Um-)Welt bewusst zu sein, ohne sich mit hineinzerren zu lassen. Die Doppelmoral lässt sich nicht ohne Tabubrüche entlarven. Leider wird gerade durch den Tabubruch Doppelmoral verfestigt. „Das muss man mal die Wahrheit sagen!“, wird ausschließlich für rassistische oder sexistische Stereotype verwendet und nicht für ein produktives Entgegentreten von faschistischer Politik.

Mein Hans Wurst muss beides können. Er muss den Tabubruch wagen und Doppelmoral auffliegen lassen.

Dabei macht es sehr viel Spaß, furchtbare Schimpfwörter zu verwenden. Ich sehe es als Herausforderung an, meine Rotbäckigkeit zu überwinden und die Sau raus zu lassen. Trotzdem bin ich angeekelt. Allerdings hilft mir der Ekel, den Text schnell schreiben zu wollen. An einem freien Tag möchte ich fünf Seiten schreiben. Ich habe am Donnerstag angefangen. Fünf Seiten stehen. Die anderen Texte habe ich nicht so geschrieben. Ich habe zwar ohne Plan angefangen, aber nie mehr als eine oder zwei Seiten geschrieben. Jetzt haue ich den Text einfach in den Laptop. Ich denke, dass es das ist, was mich am meisten schockt. Ich hatte immer die Vorstellung, dass gutes Schreiben langsam und widerspenstig ist. Vielleicht ist es das erste Tabu, dass der Hans Wurst gebrochen hat.


Entdecke mehr von Lea Rohrmoser

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Entdecke mehr von Lea Rohrmoser

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen