Eine Webseite zu erstellen ist fummelige Arbeit, aber jetzt habe ich es geschafft. Zweieinhalb Tage habe ich geflucht und die Hände gerungen. Rückblickend war es nicht schwer, aber wie ich so bin, habe ich mir keine Tutorials angeguckt und einfach angefangen. Frustration und Chaos ist bei dieser Herangehensweise inbegriffen, aber wenigstens war mir nicht langweilig.
Es war ähnlich bei meinem Roman „EGO“. Ich habe einfach losgeschrieben, ohne mir Gedanken über Handlung und Zusammenhang zu machen. Das Überarbeiten hat ewig gedauert und ich war, wie so oft, frustriert. Ich denke, dass der Text nicht anders wäre, wenn ich mir vorher Gedankengang, Thema und Ziel überlegt hätte, aber ich hätte mehr Ruhe und Leichtigkeit dabei verspürt. Ich merke erst jetzt, wenn ich Rezensionen lese - auf Instagram hat @seitenoscar gestern eine geschrieben - dass es bei „EGO“ um die Beziehung zwischen Ordnung und Chaos geht. Lilith steckt im Garten Eden fest und hasst es dort, weil sie keine Inspiration verspürt. Raphael erklärt ihr, dass sie sich dem Chaos der „Stimmen“ nicht aussetzen muss, weil das Chaos für sie niedergerungen wurde. Lilith sollte sich freuen. Sie lebt im Garten Eden, in dem alles angenehm und immergrün ist. Aber sie kann es nicht genießen. Warum sollte sie? Was sollte sie genießen?
Wenn Dorothea versucht, Lilith zu malen, dann möchte sie nicht inspiriert sein, sie möchte Lilith niederringen. Dorothea möchte zurück in einen Zustand, in dem es kein Chaos gibt. Das funktioniert nicht mehr, nachdem Lilith in ihr Leben eindringt. Dorothea unterliegt ihr. Der Gott der Genesis ist vor der Schöpfung der Welt zunächst einmal ein Mörder. Das ist der Archetypus der Künstlerin. Ich muss etwas töten, bevor ich erschaffen kann. Das Eine muss über das Mehrfache siegen, sonst, so wird es vorgegeben, gibt es keine Schöpfung. Es muss etwas geben, dass auf ein quantitatives Eines reduziert werden kann und dieses Eine muss alles andere unterdrücken. Dieses Eine soll das Gute sein?
Ich möchte mich für das Vielfache stark machen. Kunst und vor allem Kunstschaffen muss kein Akt der Zerstörung sein. Wie wäre es mit einem Akt der Auswahl. Ich muss mir in der Vielzahl der Möglichkeiten eine auswählen und diese dann in einer Abfolge unzähliger Schritte mit anderen Möglichkeiten verbinden. Kunst ist kein Unterdrückungs-, sondern ein Auswahlprozess. Das gefällt mir sehr viel besser als zu glauben, dass ich etwas niederringen, ausschließen und im besten Falle abtöten muss, bevor ich überhaupt anfangen kann, etwas zu schreiben.
Ich bin das Eine satt. Ich habe kein Interesse mehr am Christentum. Ich denke, dass der akademische und künstlerische Raum zu unkritisch auf das Christentum blickt. Es gibt kein Christentum, dass sich für soziale Gleichheit engagiert. Hier in Leipzig gibt es Kirchen, die eine Regenbogenflagge an der Hauswand haben. Das ist schön, aber leider nehme ich es ihnen nicht ab. Besonders im akademischen Raum wird so getan, als ob die Wortbedeutung der Bibel keinen Einfluss auf ihre Wirkung hat. Natürlich kann man Texte allegorisch auslegen, aber das hilft nicht bei der Tatsache, dass Frauen in der Bibel minderwertig sind, oder Landraub als sinnvoll und rechtmäßig beschrieben wird. Besonders manipulativ ist das ständige Beharren auf Liebe. Du sollst deinen Nachbarn lieben, deinen Ehemann sowieso, selbst deinen Feind. Liebe wird hier missbraucht, um jegliche Form von Wut abzutöten und die Menschen, die benachteiligt werden, zum Schweigen zu bringen. Liebe ist nichts, was man erzwingen kann. Schon gar nicht, wenn man als minderwertig angesehen und dementsprechend behandelt wird.
Deswegen mag ich „EGO“ auch. Ich hatte große Angst, dass ich einen Roman schreibe und ihn danach verabscheue. Das war auch eine Zeit lang so, aber mittlerweile mag ich meinen Roman. Er ist überraschend und schonungslos. Außerdem will er nicht gemocht werden. Er biedert sich nicht an. Mir ist oft langweilig, wenn ich lese, weil ich nicht herausgefordert werde. Ich wollte einen Roman schreiben, den man nicht einfach so weglesen kann. Ein Roman, der Aufmerksamkeit fordert. Ich denke, dass er etwas zurückgibt, weil er sich nicht als etwas ausgibt, das man sowieso schon kennt. Das Eine hat keine Kontrolle über ihn. „EGO“ windet sich aus allen Schubladen heraus und kriecht wie ein Wurm nach einem Regenguss auf der Erdoberfläche herum, in der Hoffnung, gegessen zu werden.
Leider vermindert dieses Bild meine Aufregung vor der ersten Lesung nur wenig. Am 21.3. um 19 Uhr, am Samstag der Buchmesse, lese ich im Gisiversum, Fichtestr. 25, das erste Mal vor Publikum. Ich habe schon eine Anmeldung denke, dass es interessant wird. Mein Plan ist, dass ich einen Weg finde, meine Nervosität in Vorfreude umzuwandeln. Langweilen werde ich mich auf keinen Fall.